Das Loitzenhaus in Szczecin / Stettin
Als im Jahre 1433 der aus einer Greifswalder Gelehrten- und
Pfarrersfamilie stammende Hans I. Loitz nach Stettin zieht, um Fischhändler
zu werden, beginnt der kometenhafte Aufstieg der Familiendynastie
der Loitz, der 140 Jahre später mit einem spektakulären Firmenzusammenbruch
enden, halb Europa erschüttern und viele weitere Patrizierfamilien
mit in den Abgrund zerren soll.
Hans´ Sohn Michael I. Loitz heiratet eine reiche Witwe und
bringt es bereits auf ein beträchtliches Vermögen, als er 1484 Ratsherr
und Bürgermeister von Stettin wird. Besonders ertragreich ist die
Beteiligung von Michael I. Loitz an der Witte in Falsterbo. Eine
Witte ist eine Niederlassung der Stadt im Ausland, in der
Fisch angelandet, konserviert und gehandelt wird. Wie Stettin so
besitzen auch Fischhändler aus Lübeck, Stralsund und Rostock Witten
auf Falsterbo, Budenstädte, in denen dänische Frauen die Heringsfänge
ausweiden und einsalzen, bevor Stettiner Fischhändler die Heringsfässer
auf ihre Schiffe laden und in Stettin mit hübschem Gewinn verkaufen.
Michael I. Loitz stirbt 1494 als einer der reichsten Bürger Stettins.
Sein Sohn, Hans II. Loitz, wird ebenfalls Bürgermeister von
Stettin. Wichtiger aber noch ist, dass mit ihm die internationale
Ausdehnung der Geschäfte der Loitz beginnt. Ein Fischhändler braucht
große Mengen an Salz, um den Hering haltbar zu machen. Was liegt
da näher, als neben dem Fischhandel auch in das Salzgeschäft einzusteigen?
Hans II. Loitz knüpft auf weiten Geschäftsreisen, die ihn bis nach
Schweden, Siebenbürgen und Südfrankreich führen, Kontakte zu Händlern
in ganz Mitteleuropa. Unter seiner Leitung entwickelt sich die Stettiner
Firma mehr und mehr zu einem in vielen Geschäftszweigen tätigen
Konzern mit angeschlossenem Bankhaus. Pommersche Herzöge,
der Brandenburgische Kurfürst und nicht zuletzt der polnische König
sind Schuldner des Loitzschen Bankhauses. Besonders viel Profit
wirft offensichtlich die Finanzierung von Kriegen ab.
Die nächste Generation der Loitz setzt ihren systematischen, wirtschaftlichen
Eroberungsfeldzug fort. Während Simon Loitz das Kerngeschäft
in Stettin leitet, wird der zweite Sohn Michael II. Loitz
nach Danzig verheiratet, um das Polengeschäft anzukurbeln. Der dritte
Sohn von Hans II. Loitz, Stephan Loitz, versucht, das Lüneburger
Salzgeschäft an sich zu reißen. Obwohl es dem gebildeten und herrischen
Großkaufmann Stephan gelingt, eine der reichsten Lüneburger Salzwitwen
zu heiraten, wehren sich die alteingesessenen Lüneburger Salzhändler
gegen den Stettiner Emporkömmling erfolgreich. Stephan muss schließlich
nach Stettin zurückkehren.
Nun beginnt die große Offensive der Loitz, die auf ein Salzmonopol
in Mitteleuropa gerichtet ist. Der Salzhandel auf der Oder ist
komplett in der Hand der Loitz, vor den Danziger Hafen schicken
sie ein Kanonenboot, um zu kontrollieren, ob nicht etwa ein anderer
Händler Salz nach Polen und Preußen bringen will.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts beginnt der plötzliche
Niedergang des Hauses Loitz. Es beginnt damit, dass Dänemark den
Salztransport durch die Belte in der westlichen Ostsee mit hohen
Zöllen belegt. Den Loitz´ entstehen dadurch große Verluste, aber
erst eine fehlgeschlagene Transaktion mit dem polnischen König versetzt
der Dynastie der Loitz den Todesstoß. Als sich Stephan Batory,
der neue polnische König weigert, die Schulden seines Vorgängers
bei den Loitz zurückzuzahlen, gerät das Firmenimperium ins Trudeln.
Die Bargeldreserven werden immer knapper, viele Kreditgeber des
Bankhauses Loitz ziehen ihre Gelder zurück.
Simon Loitz versucht, zu retten, was zu retten ist. In aller
Eile werden Güter und Häuser auf Töchter und Witwen übertragen,
um sie dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen. Bei Nacht und Nebel
muss die Familie von Simon Loitz schließlich Stettin verlassen und
kommt auf einem Gut in Polen unter.
Der letzte Nachkomme der Loitz, Hans III. Loitz, lebt später auf
dem vom Bankrott verschonten Gut Rundewiese bei Marienburg als preußischer
Junker und nicht mehr als Kaufmann.
Der Ruin der Loitz zieht halb Europa in den Bann. Die "Fugger
des Nordens", die vergeblich versuchen, das Salzmonopol in
Mitteleuropa an sich zu reißen und bei ihrem Fall viele Gläubiger,
Fürsten, Gutsbesitzer und wohlhabende Stettiner mit in den finanziellen
Abgrund ziehen.
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