Der Hafen von Stettin - Betrachtung aus den 20ern
Dem Reisefüherer Stettin aus dem Jahre 1929 ist folgende kleine
Betrchtung entnommen:
"Für einen Binnenländer, der nach Stettin kommt, werden immer
das Wasser und der Hafen die Hauptanziehungskräfte Stettins
sein. Es ist ja selbst für den geborenen Stettiner eine immer neue
Überraschung, immerwährende Anregung, in dies Getriebe hineinzusehen,
gleichsam den Pulsschlag der Welt und des Lebens unmittelbar
pochen zu hören, die alte Unrast des nordischen Küstenbewohners
in sich zu spüren, und beim Anblick der großen Überseedampfer jenes
selig-unselige Erbteil deutschen Blutes zu empfinden: Wandersehnsucht.
Ist es Hochsommer, bieten schon die Oderufer unten am Fuß der Hakenterasse,
wo die Ostseebäderdampfer wie eine Schar weißer Möwen auf dem Wasser
sitzt, unaufhörlich bunte, neue Bilder für Augen und Kamera, eine
Fundgrube von lebendigen und fröhlichen Erinnerungen. Gar nicht
zu reden von den Szenen sonntäglicher Extrafahrten - morgens in
der frostlichen Dämmerung oder abends, wenn das strahlende, schimmernde
Hotel wieder am Bollwerk festlegt.
Dieselben Bilder, ins Große und Ernsthafte übersetzt, bietet
der Freihafen. Man gelangt mit Linie 1 bis an seine Tore. Um
hineinzukommen, bedarf es besonderer Erlaubnis. (Erkundigungen im
Verkehrs-Verein.) Es weht eine andere Luft hier in den großen Bassins,
wo der Brückenbogen in aller Herren Länder gespannt wird, als drüben
am fröhlicheren Oderufer zur Fahrt in die Sommerfrische. Wie hungrige
Raubtiere scheinen die Schiffe mit ihren geöffneten Ladeluken, in
deren Rachen die kreischenden, knarrenden Winden und Kräne unaufhörlich
Fracht und Ladung senken oder dort bei einem anderen herausholen.
Ein- und Ausfuhrartikel des Stettiner Handels wechseln hier unaufhörlich,
und in den langen Kaischuppen liegen die Reichtümer des Erdballs.
Zur Ausfuhr gelangen besonders: Zucker, Getreide, Kohle, Nutzholz,
Düngemittel, Zement, Maschinen, Futtermittel usw. Die Haupteinfuhrartikel
sind: Er, Holz, Heringe, Pflastersteine, Schwefel, Phosphate, Papierholz,
Butter, Eisen, usw. Hier sind auch die Dampferabfahrtstellen der
Stettiner Reedereien nach den Ostsee-Randstaaten, nach Schweden,
Finnland, Rußland usw. Und ich möchte beinah glauben, daß man mit
freundlicher Bitte als Landratte wohl die Erlaubnis bekäme, sich
eins der eleganten, schönen, neuen Schiffe sich anzusehen, um schon
bei einem kurzen Rundgang jenes ganz geheimnisvolle Locken einmal
zu verspüren, das von den Planken eines schwimmenden Hauses so unwiderstehlich
ausgeht.
Am lehrreichsten und ratsamsten ist es, einmal eine Hafenrundfahrt
zu machen, die einen zusammenhängenden Einblick in alle verschiedenen
Hafenbetriebe Stettins gewährt. Sie dauert ca. 2 Stunden und beginnt
an der Baumbrücke. Die Abgangszeiten der Dampfer erfährt man im
Stettiner Verkehrs-Verein. Hier gibt es auch für alle diejenigen,
die sich für Fachangaben interessieren, einen kleinen Sonderführer
mit Karte, Zahlenangaben und statistischem Material."
aus: Stettin
Stettin 1929
Seite 21ff
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