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   aktualisiert 14.01.07
 
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Die Kirche zu Hof

"Doch die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand!" Die See wird den Kampf immer wieder aufs neue aufnehmen und nicht eher von der sicheren beute ablassen, bis auch der letzte Stein unterspült und hinweggerissen ist. Aber wozu da den Blick auf die Zukunft richten, wo sich so lebhaft die Bilder der Vergangenheit entrollen! Sieben Jahrhunderte sind vergangen, da kamen christliche Priester und Mönche als Missionare von Franken und Thüringen, um das fromme Werk des glaubenseifrigen Bischofs Otto von Bamberg fortzusetzen. Staunend betrachten sie das Meer, das sie bis dahin nur vom Hörensagen kannten, prüfen auch mit kundigem Blick die Gegend auf ihre Fruchtbarkeit hin, gehen dann ums Jahr 1200 an die Erbauung der Kirche und errichten dieselbe eine Viertelmeile landeinwärts vom Meer auf weithin sichtbarer Höhe. Ein Sonntagmorgen ist es, da laden die Kirchenglocken von Hof zum erstenmal das Volk zum Beten ein. Und da kommt es mühselig und beladen in scharen herbeigeströmt, hört aus Priesters Mund seinen alten Göttern fluchen und den neuen Gott rühmen, neigt schwankend zu letzterem hin, von ihm eine Besserung seines harten Loses erhoffend.

Schwer rast der Sturmwind übers Land. Im unsicheren Lichte der sinkenden Nacht kämpft ein Boot mit den Wogen. Die Küste ist den Blicken seiner Insassen entschwunden, und kein anderes Wahrzeichen schimmert dort in der grauen Ferne mehr hervor als die alte Kirche zu Hof. Und gläubigvertrauend suchen die Geängstigten bei ihr das rettende Ufer zu erreichen.

Und wieder steigt ein Sonntag vor mir auf. Es ist der 2. August des Jahres 1874. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt und atemlos hängt die schluchzende Gemeinde an dem Munde des silberhaarigen Geistlichen, der in bewegten Worten Abschied von dem alten Gotteshause nimmt, weil die Regierung des drohenden Einsturzes wegen die Schließung desselben befohlen hat. Welche Fülle von Erinnerungen mag in dieser Stunde durch die Seele des greisen Redners stürmen! Vierzig Jahre hindurch hat er angesichts der so hehren Umgebung an dieser Stätte den Namen des Herrn verkündigt, und das nicht selten unter so gewaltigem Brausen des Meeres, daß es seine Worte übertönte. Gar manchem aus der frommen Gemeinde hat er auch das letzte Geleite gegeben zum nahe am Kirchlein gelegenen Friedhof, den auch die See verschlingt, und aus dessen Gräbern sie ohn Erbarmen die Asche und Gebeine der zur letzten Ruhe Gebetteten herauswühlt und in alle Winde führt. Wer will es dem biederen Gottesmanne und seinen frommen Hörern verargen, wenn ihnen bei solchem Scheiden schier das herze bricht.

Wiederholt habe ich seitdem die Ruine aufgesucht; jedesmal schied ich mit dem Wunsche: die Katastrophe des endlichen Einsturzes möge noch recht lange ausbleiben. Und es schien, als empfinde das Meer selbst Scheu davor, zu dem letzten Vernichtungsschlage gegen das alte Heiligtum auszuholen; denn bis zum Frühjahr 1901 blieb alles still über das fernere Schicksal der alten Kirche. Aber am 2. Ostertage desselben Jahres stürzte die der Ostsee zugekehrte Seitenwand in die Tiefe. Und der Anblick, der sich mir bei einem neuen Besuche bot, war noch herzzerreißender als zuvor. Hier oben die alte Ruine mit der klaffenden Wunde und dort unten am Fuße des wildzerrissenen Ufers die abgestürzten Trümmer, an welche Welle um Welle spülte, um sie mit sich fortzuziehen. Der Rest aber zeigte solche Risse und Sprünge, daß das Betreten desselben nicht mehr gestattet war. Wehmütig schied ich auch diesmal von der mir so liebgewordenen Stätte mit dem Wunsche, daß doch dem neuen Gotteshause zu Hof ein gnädigeres Schicksal beschieden sein möchte.

H. Kohlmann (Stettin)