Die Kirche zu Hof
"Doch die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand!"
Die See wird den Kampf immer wieder aufs neue aufnehmen und nicht
eher von der sicheren beute ablassen, bis auch der letzte Stein
unterspült und hinweggerissen ist. Aber wozu da den Blick auf die
Zukunft richten, wo sich so lebhaft die Bilder der Vergangenheit
entrollen! Sieben Jahrhunderte sind vergangen, da kamen christliche
Priester und Mönche als Missionare von Franken und Thüringen, um
das fromme Werk des glaubenseifrigen Bischofs Otto von Bamberg fortzusetzen.
Staunend betrachten sie das Meer, das sie bis dahin nur vom Hörensagen
kannten, prüfen auch mit kundigem Blick die Gegend auf ihre Fruchtbarkeit
hin, gehen dann ums Jahr 1200 an die Erbauung der Kirche und errichten
dieselbe eine Viertelmeile landeinwärts vom Meer auf weithin sichtbarer
Höhe. Ein Sonntagmorgen ist es, da laden die Kirchenglocken von
Hof zum erstenmal das Volk zum Beten ein. Und da kommt es mühselig
und beladen in scharen herbeigeströmt, hört aus Priesters Mund seinen
alten Göttern fluchen und den neuen Gott rühmen, neigt schwankend
zu letzterem hin, von ihm eine Besserung seines harten Loses erhoffend.
Schwer rast der Sturmwind übers Land. Im unsicheren
Lichte der sinkenden Nacht kämpft ein Boot mit den Wogen. Die Küste
ist den Blicken seiner Insassen entschwunden, und kein anderes Wahrzeichen
schimmert dort in der grauen Ferne mehr hervor als die alte Kirche
zu Hof. Und gläubigvertrauend suchen die Geängstigten bei ihr das
rettende Ufer zu erreichen.
Und wieder steigt ein Sonntag vor mir auf. Es ist der
2. August des Jahres 1874. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz
gefüllt und atemlos hängt die schluchzende Gemeinde an dem Munde
des silberhaarigen Geistlichen, der in bewegten Worten Abschied
von dem alten Gotteshause nimmt, weil die Regierung des drohenden
Einsturzes wegen die Schließung desselben befohlen hat. Welche Fülle
von Erinnerungen mag in dieser Stunde durch die Seele des greisen
Redners stürmen! Vierzig Jahre hindurch hat er angesichts der so
hehren Umgebung an dieser Stätte den Namen des Herrn verkündigt,
und das nicht selten unter so gewaltigem Brausen des Meeres, daß
es seine Worte übertönte. Gar manchem aus der frommen Gemeinde hat
er auch das letzte Geleite gegeben zum nahe am Kirchlein gelegenen
Friedhof, den auch die See verschlingt, und aus dessen Gräbern sie
ohn Erbarmen die Asche und Gebeine der zur letzten Ruhe Gebetteten
herauswühlt und in alle Winde führt. Wer will es dem biederen Gottesmanne
und seinen frommen Hörern verargen, wenn ihnen bei solchem Scheiden
schier das herze bricht.
Wiederholt habe ich seitdem die Ruine aufgesucht; jedesmal
schied ich mit dem Wunsche: die Katastrophe des endlichen Einsturzes
möge noch recht lange ausbleiben. Und es schien, als empfinde das
Meer selbst Scheu davor, zu dem letzten Vernichtungsschlage gegen
das alte Heiligtum auszuholen; denn bis zum Frühjahr 1901 blieb
alles still über das fernere Schicksal der alten Kirche. Aber am
2. Ostertage desselben Jahres stürzte die der Ostsee zugekehrte
Seitenwand in die Tiefe. Und der Anblick, der sich mir bei einem
neuen Besuche bot, war noch herzzerreißender als zuvor. Hier oben
die alte Ruine mit der klaffenden Wunde und dort unten am Fuße des
wildzerrissenen Ufers die abgestürzten Trümmer, an welche Welle
um Welle spülte, um sie mit sich fortzuziehen. Der Rest aber zeigte
solche Risse und Sprünge, daß das Betreten desselben nicht mehr
gestattet war. Wehmütig schied ich auch diesmal von der mir so liebgewordenen
Stätte mit dem Wunsche, daß doch dem neuen Gotteshause zu Hof ein
gnädigeres Schicksal beschieden sein möchte.
H. Kohlmann (Stettin)
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