Die Kirche zu Hof
Wer hat nicht schon von dem tragischen Geschick jener
alten Kirche am hinterpommerschen Strande gehört, welche gegen die
Wogen der See Jahrhunderte hindurch gierig anstürmten, ihr immer
näher du näher rückten, um ihr endlich das Grab in der salzigen
Flut zu graben! Die Tragödie von Vinetas sagenumwobenem Untergang
spielt sich dort in unseren Tagen aufs neue ab, und Hunderte von
Zuschauern eilen alljährlich herbei, betrachten stumm und staunend
das grausige Werk des Meeres und tragen die Mär von der alten Kirche
zu Hof weit über Pommerns Grenzen hinaus.
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Auch mich zog es im Sommer 1887 von Dievenow aus hin
nach dieser Stätte. Bei leichtbewegter See führte mich mein Weg
immer nach Osten und am Strande entlang dem Leuchtturme von Horst
entgegen. Die Flachküste mit ihrem kümmerlichen Kiefernbestande
bot des Interessenten wenig genug. Nur zahlreiche "Strandläufer"
nahmen meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie liefen beharrlich vor
mir her, erhoben sich, sobald ich ihnen zu nahe kam, schossen mit
breitem Flügelschlag einige hundert Schritte vor mir dahin, ließen
sich piepsend nieder, um das alte Spiel wieder von vorne anzufangen.
Dabei hatte sich die Szenerie am Strande unversehens verwandelt.
An Stelle der bewaldeten Flachdünen waren haushohe, steile Lehmufer
getreten, an denen sich hie und da einige Büschlein Mauerpfeffer
ängstlich festzuhalten schienen, und von deren Rändern goldgelbe
Ähren zu mir herniedernickten. Dem sich lang hinziehenden Kornfelde
mit den Blicken folgend, sah ich dort am Ende desselben ein hohes
schwarzbraunes Gemäuer hervortauchen, zu dem mich bald eine in das
harte Lehmufer eingehauene Treppe hinaufführte. Da stand sie nach
vierstündiger Wanderung vor mir, die alte Kirche zu Hof, und wehmütig
verlor ich mich in ihre Betrachtung.
Bei mittlerer Größe von Westen nach Osten gerichtet
und im Kirchbaustile der baltischen Architektur aus gebrannten Ziegelsteinen
ausgeführt, schauen die vom Alter geschwärzten Mauern ernst und
düster von hohem Dünenrande ins sonnige Land hinaus. Turm und Dach
und decke des alten Gotteshauses sind eingestürzt und abgetragen.
Durch seine hohen Bogenfenster zieht der Wind, und "Regen und Sonnenschein
können von oben und überall herein". Von dem schlanken, gotischen
Portale aus betritt mein Fuß das Innere des heiligen Raumes, der
jeglichen Schmuck entkleidet, die Spuren des Verfalls noch stärker
zutage treten läßt. Aber auch hier blüht neues Leben aus den Ruinen;
denn ein dichter Rasenteppich hat die Steinfliesen des Fußbodens
überzogen, und dort an den fünf Fenstern des prächtigen Chores streben
einige Holunderstämmchen kräftig dem Lichte zu. Ich trete wieder
ins Freie, und meine Blicke schweifen in die Umgebung des Kirchleins.
Tief unten die leise sich wiegende See im schimmernden Sonnenschein,
dicht neben der Ruine hier oben das demselben Schicksal entgegenstehende
alte Schulhaus mit seinen rosenumrankten Fenstern und dort oben,
etwas landeinwärts, das Gutsdorf Hof im Schatten uralter Kastanien
und mit seiner schmucken, neuen Kirche! Und dazu ruht eine Stille
und ein Gottesfrieden auf dem allen, als sei ein ewiger Friede geschlossen,
als könne das Meer nie wieder erbarmungslos seinen Tribut fordernd
gegen die unbewehrten Ufer stürmen.
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