Holz-Schloss im pommerschen Dünenwald
von Matthias Wolf Poberow/Pobierowo.
Cammin angelt. An der Brücke über die Dievenow, dem
östlicsten Mündungsarm der Oder, stehen die Angler dicht an dicht.
Statt Arbeit gibt es Fisch. Und viel Zeit. Polnischen Kleinlastern
folgen Limousinen mit Berliner Kennzeichen. Hinter Lüchenthin (Lukecin)
weitet sich die Chausee auf Landebahnbreite. Der Warschauer Pakt
baute dort eine Piste für den Ernstfall. In den Ferienhaussiedlungen
im pommerschen Kiefernwald wird gesägt und gehämmert, Hotels aus
Beton entstehen nebenan. Der Dünenwald von Poberow, ein altes Kleistsches
Lehen, wurde 1930 vom Rittergutsbesitzer Krause parzelliert, gleichzeitig
intensiv um Erholungssuchende geworben. Ein Bus fuhr an jedem Wochenende
vom Potsdamer Platz nach Poberow und wieder zurück, Fahrpreis 12
Reichsmark und 75 Pfennige. Die angebotenen Bauplätze für Holzhäuser
waren 800 Quadratmeter groß, genau 663 Reichsmark kostete ein Waldgrundstück
damals.
Der junge Schriftsteller Günter Eich, 1907 in Lebus
an der Oder geboren, fällt in den späten Zwanzigern durch Lyrik
dem Rundfunk auf. Er arbeitet ab 1932 regelmäßig für das neue Medium.
Der Zwiespalt, Hörspiele und -folgen als Mittel zum Zweck der Existenzsicherung
zu verfassen, um die "richtigen" Arbeiten davon zu finanzieren,
reitet Eich in eine tiefe Abhängigkeit von der Medienmaschine. Als
der 26-Jährige, bisher eher durch studentische Bescheidenheit aufgefallen,
sich im Juni 1933 ein Grundstück in Poberow kauft und sein kleines
Holzhaus errichten läßt, flucht er schon kurze Zeit später über
die finanziellen Verpflichtungen, die sich mit dem Kauf eines Autos
noch vergrößern: "O diese verfluchte Villa an der Ostsee."
Moralisches "Eich-Maß"
Bis 1940 entstehen monatliche Folgen des "Königswusterhäuser
Landboten", der mit 75 Sendungen umfangreichsten Funkserie der damaligen
Zeit. Das dort gesungene "Lob des Ländlichen", radiophon aufgefächerte
zivilisationskritisch-neoromantische Stimmungsmalerei, bereitet
Eich im Poberower Refugium vor. Freunde wie der Lyriker Peter Huchel
oder sein Ko-Autor Martin Raschke kommen für Tage oder Wochen an
die Ostsee.
Über Eichs moralische Integrität ist in jüngerer Zeit
viel debattiert worden, "Strammstehen für Goebbels, Geld und Urlaub"
titelte die FAZ. Nach dem Krieg avancierte Günter Eich zu einem
der wichtigsten Autoren in der Bundesrepublik. Sein Gedicht "Inventur"
war Neubeginn einer "Kahlschlagprosa", die die Sprache vom Schwulst
der Naziparolen reinigte. Eich war erster Preisträger der legendären
Gruppe 47 und lieferte mit den Schlusszeilen seines bekanntesten
Hörspiels "Träume" (1951) der späteren Studentenbewegung ihr Motto:
"Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt", obwohl er sich im
Alter vom Pathos der Zeilen schroff distanzierte.
Zu den 300 Rundfunkarbeiten Eichs ist nun eine wegweisende
Darstellung erschienen. Hans-Ulrich Wagner vom Deutschen Runkfunkarchiv
Frankfurt/Main hat erstmals sämtliche Funk-Arbeiten Eichs recherchiert,
ausgewertet und den Kontext der Entstehung erhellt. Die oft als
opportunistische Kehrtwenden ausgelegten Schwenks des Dichters Eich
erscheinen nun als immer neu vorgenommene Bewertungen der sich verändernden
Wirklichkeit.
In Poberow läßt sich Eichs Gedicht "Weg durch die
Dünen" heute noch bei einem Strandspaziergang prüfen: "Der Herbstwind
hauset schon am Strande/ ich spür ihn durch die Dünen wehn./ Ich
will die Spuren schaun im Sande,/die bald vergehn ..." Sein hier
entstandenes Hörspiel "Gespräche am Strande - Ein kleiner Ostseeführer"
von 1934 ist leider verschollen
Hoffnung auf Tourismus
Heute kommen einstige Bewohner pommerscher Orte wieder
in ihre Heimat - auf Zeit. Brigitte Ziegler, im benachbarten Treptow
geboren, musste wie alle Hinterpommern 1945 ihr Zuhause verlassen.
Neben den Holzhäusern aus den Dreißigern sind Bungalowsiedlungen
für schlesische Bergarbeiter entstanden, manch Holzhaus ist durch
eines aus Stein ersetzt worden. Als "ausgesprochen freundlich" beschreibt
Ziegler die Atmosphäre zwischen polnischer Bevölkerung und deutschen
Gästen in Poberow; die Hoffnungen der Polen richten sich auf wirtschaftlichen
Aufschwung durch sanften Tourismus.
Vor Günter Eichs einstiger Haustür döst ein Hund in
der Sonne, neben dem ummauerten Holzwürfel wächst eine Pension in
die Höhe. "Ich fühle eine fremde Nähe / und eine Last von vieler
Zeit, / als ob ich sie mit Augen sähe, / die tödliche Unendlichkeit"
schrieb Eich in Poberow. In Pobierowo ist das mit den Händen zu
greifen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors
mail an den Autor
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