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   aktualisiert 14.01.07
 
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Holz-Schloss im pommerschen Dünenwald

von Matthias Wolf Poberow/Pobierowo.

Cammin angelt. An der Brücke über die Dievenow, dem östlicsten Mündungsarm der Oder, stehen die Angler dicht an dicht. Statt Arbeit gibt es Fisch. Und viel Zeit. Polnischen Kleinlastern folgen Limousinen mit Berliner Kennzeichen. Hinter Lüchenthin (Lukecin) weitet sich die Chausee auf Landebahnbreite. Der Warschauer Pakt baute dort eine Piste für den Ernstfall. In den Ferienhaussiedlungen im pommerschen Kiefernwald wird gesägt und gehämmert, Hotels aus Beton entstehen nebenan. Der Dünenwald von Poberow, ein altes Kleistsches Lehen, wurde 1930 vom Rittergutsbesitzer Krause parzelliert, gleichzeitig intensiv um Erholungssuchende geworben. Ein Bus fuhr an jedem Wochenende vom Potsdamer Platz nach Poberow und wieder zurück, Fahrpreis 12 Reichsmark und 75 Pfennige. Die angebotenen Bauplätze für Holzhäuser waren 800 Quadratmeter groß, genau 663 Reichsmark kostete ein Waldgrundstück damals.

Der junge Schriftsteller Günter Eich, 1907 in Lebus an der Oder geboren, fällt in den späten Zwanzigern durch Lyrik dem Rundfunk auf. Er arbeitet ab 1932 regelmäßig für das neue Medium. Der Zwiespalt, Hörspiele und -folgen als Mittel zum Zweck der Existenzsicherung zu verfassen, um die "richtigen" Arbeiten davon zu finanzieren, reitet Eich in eine tiefe Abhängigkeit von der Medienmaschine. Als der 26-Jährige, bisher eher durch studentische Bescheidenheit aufgefallen, sich im Juni 1933 ein Grundstück in Poberow kauft und sein kleines Holzhaus errichten läßt, flucht er schon kurze Zeit später über die finanziellen Verpflichtungen, die sich mit dem Kauf eines Autos noch vergrößern: "O diese verfluchte Villa an der Ostsee."

Moralisches "Eich-Maß"

Bis 1940 entstehen monatliche Folgen des "Königswusterhäuser Landboten", der mit 75 Sendungen umfangreichsten Funkserie der damaligen Zeit. Das dort gesungene "Lob des Ländlichen", radiophon aufgefächerte zivilisationskritisch-neoromantische Stimmungsmalerei, bereitet Eich im Poberower Refugium vor. Freunde wie der Lyriker Peter Huchel oder sein Ko-Autor Martin Raschke kommen für Tage oder Wochen an die Ostsee.

Über Eichs moralische Integrität ist in jüngerer Zeit viel debattiert worden, "Strammstehen für Goebbels, Geld und Urlaub" titelte die FAZ. Nach dem Krieg avancierte Günter Eich zu einem der wichtigsten Autoren in der Bundesrepublik. Sein Gedicht "Inventur" war Neubeginn einer "Kahlschlagprosa", die die Sprache vom Schwulst der Naziparolen reinigte. Eich war erster Preisträger der legendären Gruppe 47 und lieferte mit den Schlusszeilen seines bekanntesten Hörspiels "Träume" (1951) der späteren Studentenbewegung ihr Motto: "Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt", obwohl er sich im Alter vom Pathos der Zeilen schroff distanzierte.

Zu den 300 Rundfunkarbeiten Eichs ist nun eine wegweisende Darstellung erschienen. Hans-Ulrich Wagner vom Deutschen Runkfunkarchiv Frankfurt/Main hat erstmals sämtliche Funk-Arbeiten Eichs recherchiert, ausgewertet und den Kontext der Entstehung erhellt. Die oft als opportunistische Kehrtwenden ausgelegten Schwenks des Dichters Eich erscheinen nun als immer neu vorgenommene Bewertungen der sich verändernden Wirklichkeit.

In Poberow läßt sich Eichs Gedicht "Weg durch die Dünen" heute noch bei einem Strandspaziergang prüfen: "Der Herbstwind hauset schon am Strande/ ich spür ihn durch die Dünen wehn./ Ich will die Spuren schaun im Sande,/die bald vergehn ..." Sein hier entstandenes Hörspiel "Gespräche am Strande - Ein kleiner Ostseeführer" von 1934 ist leider verschollen

Hoffnung auf Tourismus

Heute kommen einstige Bewohner pommerscher Orte wieder in ihre Heimat - auf Zeit. Brigitte Ziegler, im benachbarten Treptow geboren, musste wie alle Hinterpommern 1945 ihr Zuhause verlassen.

Neben den Holzhäusern aus den Dreißigern sind Bungalowsiedlungen für schlesische Bergarbeiter entstanden, manch Holzhaus ist durch eines aus Stein ersetzt worden. Als "ausgesprochen freundlich" beschreibt Ziegler die Atmosphäre zwischen polnischer Bevölkerung und deutschen Gästen in Poberow; die Hoffnungen der Polen richten sich auf wirtschaftlichen Aufschwung durch sanften Tourismus.

Vor Günter Eichs einstiger Haustür döst ein Hund in der Sonne, neben dem ummauerten Holzwürfel wächst eine Pension in die Höhe. "Ich fühle eine fremde Nähe / und eine Last von vieler Zeit, / als ob ich sie mit Augen sähe, / die tödliche Unendlichkeit" schrieb Eich in Poberow. In Pobierowo ist das mit den Händen zu greifen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors
mail an den Autor

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 Wer ist Günther Eich?

 

Günther Eich wurde bekannt als Mitglied der Gruppe 47, einem Club, die den literarischen Diskurs in den fünfziger und sechziger Jahren beherrschte.
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 Lesen Sie Eich!
  Das Gedicht "Weg durch die Dünen" stammt aus der Zeit Eichs in Poberow. Lesen Sie es hier.
 
 Eichs Haus in Pobierowo gefunden?
 

Das kleine Photo zeigt Günther Eich in den 30ern vor seinem Haus in Poberow. Klicken Sie auf das Bild für eine größere Darstellung.


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Jetzt hat sich Matthias Wolf auf die Suche nach dem Haus gemacht und ist wohl fündig geworden. Sehen Sie das Haus, wie es im Frühjahr 2000 sich darstellt.
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