Ueber das Meerbad bei Colberg und die beste und wohlfeilste
Art sich desselben mit Nutzen zu bedienen.
"Das Meer kann keine Wunder tun. Es kann keine schadhafte
Lunge verbessern, keinen krummen Rücken gerade machen, keine zerstöhrte
und gesprengte Organe im Innern heilen, wo aber dem Schaden durch
den Weg der Haut noch abzuhelfen ist, wo die Maschine des Körpers
ohne einzelne örtliche Fehler, nur an allgemeiner Erschlaffung der
Nerven und Fibern leidet, wo Stockung des Blutes Schwäche und Schwere
in den Muskeln die Hauptübel sind, wo die Lebenskraft nur gehemmt
und unterdrückt, nicht aber vernichtet und in völligem Schwinden
ist, da weckt das Meerbad sie unfehlbar. Alle, die vom vielen Sitzen,
von langjährigem Gram, von heftiger Betrübniß und Traurigkeit, von
Schmerzen der Seele hart mitgenommen sind, alle Hypochondristen.
Alle, denen Wassersucht, Faul-, Nerven- und Schleimfieber einen
nahen Tod drohen, alle erschöpfte Wüstlinge, die eine schwere Cur
überstanden haben, sollen an das Meer gehen und sich oft in dasselbe
tauchen. Sie können mit großer Zuversicht hoffen, daß sie erquickt,
gestärkt, erheitert, mit neuen Kräften bleibend ausgerüstet und
oft zum Erstaunen vorteilhaft verändert von dem herrlichen Elemente
zurückkehren werden.
Die Einbildungskraft derer, die das Meer nur aus Kupferstichen
und Büchern kennen, stellt ihnen gewöhnlich ein abschreckendes furchtbares
Bild vor, voll schroffer felsigter Ufer und tobender Wogen über
schauderhaften Abgründen. Das ist nicht so in der Wirklichkeit.
Diese ist angenehm, wenigstens an der Küste von Colberg. Auf beiden
Seiten des Hafens kann man in langen Strecken mit vollkommener Sicherheit
sechzig, achtzig, ja an manchen Orten einhundert Schritt ganz getrost
in das Meer gehen, bevor das Wasser das Kinn erreicht. Der Boden
senkt sich nur allmählich abwärts und ist klarer, feiner, fester
Sand, an nur wenigen Stellen mit kleinen Steinen vermischt, die
jedoch, wenn man auf sie trifft, den Füßen keine Schmerzen verursachen,
weil sie durch das beständige Reiben seit Jahrtausenden rund geschliffen
sind. Die eigentlichen Tiefen und Abgründe fangen erst weiter draußen,
jenseits des Hafens an. So ist diese Küste immer beschaffen gewesen
und so wird sie auch bleiben, es wäre denn, daß eine außerordentliche
Naturrevolution eine Veränderung anrichtete. Niemand, auch nicht
der Schwächste, und wer auch nicht schwimmen kann, hat die mindeste
Ursach, das Ertrinken zu befürchten, wenn er sich innerhalb der
oben angeführten Zahl der Schritte hält. Man weiß hier in Colberg
sich keines Beispiels zu erinnern, daß einer beim Baden im Meer
ertrunken wäre.
Der, der sich aufs Schwimmen versteht, genießt freilich einer doppelten
Lust, denn es ist in der That ein unbeschreibliches Vergnügen, sich
von den hohen Wogen bergauf und thal tragen zu lassen und sich gleichsam
mit ihnen herumzutummeln. Die Brandung ist, wie man bei einem so
schrägen und flachen Ufer sich leicht vorstellen kann, selten heftig
und selbst auch, wenn das Meer etwas tobt, sieht die Sache gefährlicher
aus, als sie wirklich ist. Wenn man nur dreist hineingeht, so lernt
man die Geschicklichkeit, den Drang der daher rollenden Wellen auszuhalten
ohne umzufallen, von selbst. Am besten ist es, da man sie schon
von fern anrauschen sieht, ihnen in dem Augenblick der Annäherung
nicht die Brust, sondern eine Schulter entgegen zu stemmen oder
sie über den Kopf weggehen zu lassen. Zu dem Letzteren gehört nur
sehr wenig Fassung und es ist noch besser als das Darbieten der
Seite, mit dem Kopfe über dem Wasser, wo der Schlag der Wellen gegen
das Ohr, dem Tympanum mancher Leute empfindlich sein kann. Nach
einiger Übung wird man es gewohnt, und jedes mal hat man eine Weile
Zeit, bevor eine zweite Welle ankommt, um sie auf gleiche Art zu
empfangen und am Ufer sich auflösen zu sehen. Er schwebt über die
Tiefen heran, der mächtige Wasserberg, schwebt vorbei, läßt und
zieht ein Thal hinter sich, und zerfließt vor seiner Rückkehr, in
großem Bogen auf dem weit genetzten weißen Strande.
Nächst der bittersalzigen Beschaffenheit, liegt ja die Heilsamkeit
des Meerbades gerade in der lebhaften Friction der Haut; wie sie
keinem Strome eigen ist. Wenn man nur immer auf die Wellen Acht
giebt, so hat man nicht den kleinsten Grund bang zu seyn, daß man
umgerissen werde. Der, dem es wiederfährt, muß im höchsten Grade
schwach seyn. Und geschieht es auch, so schadet es weiter nicht,
man kann im nächsten Augenblick ja ganz leicht wieder aufstehen,
um sich zu besinnen."
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