Kolberg / Kolobrzeg
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 aktualisiert 14.01.07

 
Sie sind hier: Home - Kolberg - Geschichte - Über das Meerbed bei Colberg
Kolberg  / Kolobrzeg

Ueber das Meerbad bei Colberg und die beste und wohlfeilste Art sich desselben mit Nutzen zu bedienen.

Ueber das Meerbad bei Colberg
Bild vergrößern!"Über das Meerbad bei Colberg ..." von Hans Heinrich von Held
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"Das Meer kann keine Wunder tun. Es kann keine schadhafte Lunge verbessern, keinen krummen Rücken gerade machen, keine zerstöhrte und gesprengte Organe im Innern heilen, wo aber dem Schaden durch den Weg der Haut noch abzuhelfen ist, wo die Maschine des Körpers ohne einzelne örtliche Fehler, nur an allgemeiner Erschlaffung der Nerven und Fibern leidet, wo Stockung des Blutes Schwäche und Schwere in den Muskeln die Hauptübel sind, wo die Lebenskraft nur gehemmt und unterdrückt, nicht aber vernichtet und in völligem Schwinden ist, da weckt das Meerbad sie unfehlbar. Alle, die vom vielen Sitzen, von langjährigem Gram, von heftiger Betrübniß und Traurigkeit, von Schmerzen der Seele hart mitgenommen sind, alle Hypochondristen. Alle, denen Wassersucht, Faul-, Nerven- und Schleimfieber einen nahen Tod drohen, alle erschöpfte Wüstlinge, die eine schwere Cur überstanden haben, sollen an das Meer gehen und sich oft in dasselbe tauchen. Sie können mit großer Zuversicht hoffen, daß sie erquickt, gestärkt, erheitert, mit neuen Kräften bleibend ausgerüstet und oft zum Erstaunen vorteilhaft verändert von dem herrlichen Elemente zurückkehren werden.

Die Einbildungskraft derer, die das Meer nur aus Kupferstichen und Büchern kennen, stellt ihnen gewöhnlich ein abschreckendes furchtbares Bild vor, voll schroffer felsigter Ufer und tobender Wogen über schauderhaften Abgründen. Das ist nicht so in der Wirklichkeit. Diese ist angenehm, wenigstens an der Küste von Colberg. Auf beiden Seiten des Hafens kann man in langen Strecken mit vollkommener Sicherheit sechzig, achtzig, ja an manchen Orten einhundert Schritt ganz getrost in das Meer gehen, bevor das Wasser das Kinn erreicht. Der Boden senkt sich nur allmählich abwärts und ist klarer, feiner, fester Sand, an nur wenigen Stellen mit kleinen Steinen vermischt, die jedoch, wenn man auf sie trifft, den Füßen keine Schmerzen verursachen, weil sie durch das beständige Reiben seit Jahrtausenden rund geschliffen sind. Die eigentlichen Tiefen und Abgründe fangen erst weiter draußen, jenseits des Hafens an. So ist diese Küste immer beschaffen gewesen und so wird sie auch bleiben, es wäre denn, daß eine außerordentliche Naturrevolution eine Veränderung anrichtete. Niemand, auch nicht der Schwächste, und wer auch nicht schwimmen kann, hat die mindeste Ursach, das Ertrinken zu befürchten, wenn er sich innerhalb der oben angeführten Zahl der Schritte hält. Man weiß hier in Colberg sich keines Beispiels zu erinnern, daß einer beim Baden im Meer ertrunken wäre.

Hans Heinrich von Held
Bild vergrößern!Hans Heinrich von Held
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Der, der sich aufs Schwimmen versteht, genießt freilich einer doppelten Lust, denn es ist in der That ein unbeschreibliches Vergnügen, sich von den hohen Wogen bergauf und thal tragen zu lassen und sich gleichsam mit ihnen herumzutummeln. Die Brandung ist, wie man bei einem so schrägen und flachen Ufer sich leicht vorstellen kann, selten heftig und selbst auch, wenn das Meer etwas tobt, sieht die Sache gefährlicher aus, als sie wirklich ist. Wenn man nur dreist hineingeht, so lernt man die Geschicklichkeit, den Drang der daher rollenden Wellen auszuhalten ohne umzufallen, von selbst. Am besten ist es, da man sie schon von fern anrauschen sieht, ihnen in dem Augenblick der Annäherung nicht die Brust, sondern eine Schulter entgegen zu stemmen oder sie über den Kopf weggehen zu lassen. Zu dem Letzteren gehört nur sehr wenig Fassung und es ist noch besser als das Darbieten der Seite, mit dem Kopfe über dem Wasser, wo der Schlag der Wellen gegen das Ohr, dem Tympanum mancher Leute empfindlich sein kann. Nach einiger Übung wird man es gewohnt, und jedes mal hat man eine Weile Zeit, bevor eine zweite Welle ankommt, um sie auf gleiche Art zu empfangen und am Ufer sich auflösen zu sehen. Er schwebt über die Tiefen heran, der mächtige Wasserberg, schwebt vorbei, läßt und zieht ein Thal hinter sich, und zerfließt vor seiner Rückkehr, in großem Bogen auf dem weit genetzten weißen Strande.

Nächst der bittersalzigen Beschaffenheit, liegt ja die Heilsamkeit des Meerbades gerade in der lebhaften Friction der Haut; wie sie keinem Strome eigen ist. Wenn man nur immer auf die Wellen Acht giebt, so hat man nicht den kleinsten Grund bang zu seyn, daß man umgerissen werde. Der, dem es wiederfährt, muß im höchsten Grade schwach seyn. Und geschieht es auch, so schadet es weiter nicht, man kann im nächsten Augenblick ja ganz leicht wieder aufstehen, um sich zu besinnen."


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 Hans Heinrich Ludwig von Held
  1764 Hans Heinrich von Held wird in der Nähe von Breslau / Wroclaw geboren.
  1784 Er studiert Rechts- und Staatswissenschaften und wird später Zollrat.
  1801 Held wird wegen der Schrift Die wahren Jakobiner im preußischen Staate oder aktenmäßige Darstellung der bösen Ränke und betrügerischen Dienstführung zweier preußischer Minister, Verlagsort: "Überall und nirgends", zu zwei Jahren Festung verurteilt. Held wird in die Festung Kolberg verbannt.
  1803 Hans Heinrich von Held schreibt während seiner Festungshaft, in der er sich innerhalb von Kolberg frei bewegen kann, die Geschichte der Stadt Colberg. Dieser Band gilt als verschollen.
  1804 Held schreibt Ueber das Meerbad bei Colberg. Das Buch wird vom Verleger Johann Schmidt in Berlin herausgegeben.
  1810 Held wird wieder in den Staatsdienst aufgenommen und entschließt sich, in Kolberg zu bleiben.
  1842 Als Salzkalfaktor ist Held für die Salzkasse verantwortlich. Als er wegen eines fremden Diebstahls den Verlust aus der Kasse ersetzen soll, erschießt sich Hans Heinrich von Held im Alter von 78 Jahren.