Johann Conrad Friedrich über Kolberg nach 1810
"Die Stadt Kolberg liegt einsam und öde in einem Winkel an
der Ostsee, hat nur wenige und eben nicht sonderlich anmutige Gärten,
keine Baumstücke, keine Gemüsefelder, keine bunten Blumenwiesen
umgeben die ernste Festung. Ein Spaziergang um das Glacis derselben
oder nach Kuhphals Wirtsgarten war die ganze Rekreation in der Nähe
der Stadt. Etwas weiter war die Maikuhle, ein mit Bäumen bepflanzter
und mit Blockhäusern und Schanzen versehener Sandhügel; eine gute
Stunde vor der Stadt befand sich ein Wald, der Busch genannt, in
dem ein Jägerhaus lag, nach dem im Sommer bisweilen Partien zu dem
Förster Oft gemacht wurden. Der Weg dahin war aber kahl und zog
sich zwischen lauter Kartoffelfeldern hin. Noch ein anderer ländlicher,
weniger entfernter Ausflug ging nach dem Bullenwinkel, wo man sich
bei Buttermilch und mitgebrachten Semmeln ergötzte. Dies waren alle
Naturschönheiten, die Kolbergs Umgebung aufzuweisen hatte.
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Das
Gemälde Totentanz, das Friedrich hier bespricht, hängt noch
heute im Dom von Kolberg / Kolobrzeg
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Das Innere der Stadt war womöglich noch unfreundlicher; die Straßen
hatten fast lauter uralte Giebelhäuser, andere sah man nur ausnahmsweise.
In einem solchen Haus befand sich in der Regel nur eine lange schmale
Stube mit einem sehr großen Fenster und einem Alkoven im Hin tergrund,
in welchem die Familie schlief. Diese Gebäude waren meist von Stein,
aber schlecht und ohne alle Symmetrie gebaut, sehr hoch, mit einem
Ungeheuern Vorplatz und großen Türen. Der einzigen Stube gegenüber
und durch einen Gang getrennt, befand sich in der Regel ein Laden,
Magazin oder die Werkstätte. Der übrige Raum bis zum Giebel bestand
in vier bis fünf ungeheuren Böden für Frucht, Gerste, Malz und dergleichen,
nebst ein paar Kammern.
Diese Einrichtung schreibt sich noch aus den Zeiten her, wo in
Kolberg die Niederlage des großen Kornhandels an dem Baltischen
Meer war, der sich aber schon länger als ein Jahrhundert weg und
meist nach Danzig hingezogen hatte. Obgleich die meisten Einwohner,
etwa achttausend, wohlhabende und mehrere enorm reiche Leute waren,
so dachten doch nur wenige daran, sich bequemere Wohnhäuser zu bauen.
Sie waren einmal an diese größtenteils höhlenartigen Wohnungen von
Eltern und Ureltern her gewöhnt, wußten es nicht besser und befanden
sich ganz behaglich in denselben. Obgleich Mauern und Wände feucht,
besonders in den Alkoven salpeterartig waren, sind ihre Bewohner
dennoch gewöhnlich ein starker und gesunder Menschenschlag.
Ihre Lebensart war eben so einfach wie ihre Wohnung. Das tägliche
Mahl bestand in der Regel in Heringen, Kartoffeln und Buttermilch;
Fleisch, grüne Gemüse, und an hohen Festen ein fetter Gänsebraten,
wurden nur ausnahmsweise genossen. Mehr speiste man Seefische, die
aber nicht immer sehr frisch waren und oft schon einige Tage im
Lande herumgefahren wurden, bevor sie auf den Markt nach Kolberg
kamen. Neunaugen, geräucherte Lachse und Spickgänse oder geräucherte
Gänsebrüste waren Delikatessen, die meistens ausgeführt wurden.
Die pommerischen Gänse sind wegen ihrer Größe und ihrem Fett berühmt
und über die gewöhnlichen Gänse ebenso erhaben, wie die westfälischen
Schweine über andere deutsche Schweine.
Der wenige Luxus, der hier herrschte, und die geringe Gelegenheit
Geld auszugeben, während doch immer noch ansehnlich verdient wurde,
machte, daß es sehr viel reiche Leute gab, die von Urgroßeltern
und noch länger her schon die alten Taler in Kisten und Kasten aufgespeichert
hatten. Mädchen mit einer baren Aussteuer von fünfzig-, achtzig-
und hunderttausend Talern waren gerade keine so große Seltenheit.
Unter den Merkwürdigkeiten der in vieler Hinsicht sonderbaren Stadt
steht die große Marienkirche obenan. Es ist ein hohes, weitläufiges
Gebäude, dessen ungeheurer, fast ganz leerer Raum ihm ein schauerliches
Ansehen verleiht, um so mehr, da die Kirche in einem so schlechten
Zustand war, daß überall Wind und Luft Zugang fanden und Eulen und
andere Nachtvögel ihre Residenz in derselben aufgeschlagen hatten.
Ja die Sperlinge waren so unverschämt, während dem Gottesdienst
die Nase des Predigers auf der Kanzel zu umschwirren. Die Kirche
hat viele Seitengebäude und Anhängsel, ist uralt und von dem Ertrag
der Pfennige erbaut worden, die zwei Mönche von den frommen Seelen
in ganz Deutschland erbettelten; sie war ursprünglich dem katholischen
Glauben gewidmet. Eigentlich war es nur noch eine gut erhaltene
Ruine mit sehr dürftiger Ausschmückung; mehr als tausend Scheiben
der großen Fenster waren zerbrochen. Sie machte die Wirkung eines
unermeßlichen Grab- gewölbes auf mich.
An einem der dicken Pfeiler hing ein altes seltsames Gemälde, welches
folgende ebenso sonderbare Begebenheit darstellte. Als die Stadt
Kolberg - ich entsinne mich nicht mehr, in welchem Jahre - vor vielen
Jahrhunderten einst von den Wenden belagert wurde, und schon in
der höchsten Bedrängnis, und die Not am größten war und alles verloren
schien, da taten sich o Wunder! die Gräber der Toten auf dem Kirchhof
auf, und die Gerippe der Verstorbenen entstiegen trefflich bewaffnet
denselben, kamen den lebenden Kämpfern noch gerade zur rechten Zeit
zur Hilfe, schlugen die Wenden in die Flucht und jagten sie zum
Teufel. Als dies geschehen und die Stadt von dem furchtbaren Feind
befreit war, suchten die Toten wieder ihre Gräber auf und legten
sich in denselben abermals zur Ruhe, als ob gar nichts vorgefallen
sei."
zitiert aus: Johann Conrad Friedrich: Vierzig Jahre aus dem Leben
eines Toten, Band 3, Seite 362ff
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