Kolberg / Kolobrzeg
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 aktualisiert 14.01.07

 
Sie sind hier: Home - Kolberg - Geschichte - J.C. Friedrich über Kolberg
Kolberg  / Kolobrzeg

Johann Conrad Friedrich über Kolberg nach 1810

"Die Stadt Kolberg liegt einsam und öde in einem Winkel an der Ostsee, hat nur wenige und eben nicht sonderlich anmutige Gärten, keine Baumstücke, keine Gemüsefelder, keine bunten Blumenwiesen umgeben die ernste Festung. Ein Spaziergang um das Glacis derselben oder nach Kuhphals Wirtsgarten war die ganze Rekreation in der Nähe der Stadt. Etwas weiter war die Maikuhle, ein mit Bäumen bepflanzter und mit Blockhäusern und Schanzen versehener Sandhügel; eine gute Stunde vor der Stadt befand sich ein Wald, der Busch genannt, in dem ein Jägerhaus lag, nach dem im Sommer bisweilen Partien zu dem Förster Oft gemacht wurden. Der Weg dahin war aber kahl und zog sich zwischen lauter Kartoffelfeldern hin. Noch ein anderer ländlicher, weniger entfernter Ausflug ging nach dem Bullenwinkel, wo man sich bei Buttermilch und mitgebrachten Semmeln ergötzte. Dies waren alle Naturschönheiten, die Kolbergs Umgebung aufzuweisen hatte.

Gemälde: Totentanz
Bild vergrößern!Das Gemälde Totentanz, das Friedrich hier bespricht, hängt noch heute im Dom von Kolberg / Kolobrzeg
Bild vergrößern!

Das Innere der Stadt war womöglich noch unfreundlicher; die Straßen hatten fast lauter uralte Giebelhäuser, andere sah man nur ausnahmsweise. In einem solchen Haus befand sich in der Regel nur eine lange schmale Stube mit einem sehr großen Fenster und einem Alkoven im Hin tergrund, in welchem die Familie schlief. Diese Gebäude waren meist von Stein, aber schlecht und ohne alle Symmetrie gebaut, sehr hoch, mit einem Ungeheuern Vorplatz und großen Türen. Der einzigen Stube gegenüber und durch einen Gang getrennt, befand sich in der Regel ein Laden, Magazin oder die Werkstätte. Der übrige Raum bis zum Giebel bestand in vier bis fünf ungeheuren Böden für Frucht, Gerste, Malz und dergleichen, nebst ein paar Kammern.

Diese Einrichtung schreibt sich noch aus den Zeiten her, wo in Kolberg die Niederlage des großen Kornhandels an dem Baltischen Meer war, der sich aber schon länger als ein Jahrhundert weg und meist nach Danzig hingezogen hatte. Obgleich die meisten Einwohner, etwa achttausend, wohlhabende und mehrere enorm reiche Leute waren, so dachten doch nur wenige daran, sich bequemere Wohnhäuser zu bauen. Sie waren einmal an diese größtenteils höhlenartigen Wohnungen von Eltern und Ureltern her gewöhnt, wußten es nicht besser und befanden sich ganz behaglich in denselben. Obgleich Mauern und Wände feucht, besonders in den Alkoven salpeterartig waren, sind ihre Bewohner dennoch gewöhnlich ein starker und gesunder Menschenschlag.

Ihre Lebensart war eben so einfach wie ihre Wohnung. Das tägliche Mahl bestand in der Regel in Heringen, Kartoffeln und Buttermilch; Fleisch, grüne Gemüse, und an hohen Festen ein fetter Gänsebraten, wurden nur ausnahmsweise genossen. Mehr speiste man Seefische, die aber nicht immer sehr frisch waren und oft schon einige Tage im Lande herumgefahren wurden, bevor sie auf den Markt nach Kolberg kamen. Neunaugen, geräucherte Lachse und Spickgänse oder geräucherte Gänsebrüste waren Delikatessen, die meistens ausgeführt wurden. Die pommerischen Gänse sind wegen ihrer Größe und ihrem Fett berühmt und über die gewöhnlichen Gänse ebenso erhaben, wie die westfälischen Schweine über andere deutsche Schweine.

Der wenige Luxus, der hier herrschte, und die geringe Gelegenheit Geld auszugeben, während doch immer noch ansehnlich verdient wurde, machte, daß es sehr viel reiche Leute gab, die von Urgroßeltern und noch länger her schon die alten Taler in Kisten und Kasten aufgespeichert hatten. Mädchen mit einer baren Aussteuer von fünfzig-, achtzig- und hunderttausend Talern waren gerade keine so große Seltenheit.

Unter den Merkwürdigkeiten der in vieler Hinsicht sonderbaren Stadt steht die große Marienkirche obenan. Es ist ein hohes, weitläufiges Gebäude, dessen ungeheurer, fast ganz leerer Raum ihm ein schauerliches Ansehen verleiht, um so mehr, da die Kirche in einem so schlechten Zustand war, daß überall Wind und Luft Zugang fanden und Eulen und andere Nachtvögel ihre Residenz in derselben aufgeschlagen hatten. Ja die Sperlinge waren so unverschämt, während dem Gottesdienst die Nase des Predigers auf der Kanzel zu umschwirren. Die Kirche hat viele Seitengebäude und Anhängsel, ist uralt und von dem Ertrag der Pfennige erbaut worden, die zwei Mönche von den frommen Seelen in ganz Deutschland erbettelten; sie war ursprünglich dem katholischen Glauben gewidmet. Eigentlich war es nur noch eine gut erhaltene Ruine mit sehr dürftiger Ausschmückung; mehr als tausend Scheiben der großen Fenster waren zerbrochen. Sie machte die Wirkung eines unermeßlichen Grab- gewölbes auf mich.

An einem der dicken Pfeiler hing ein altes seltsames Gemälde, welches folgende ebenso sonderbare Begebenheit darstellte. Als die Stadt Kolberg - ich entsinne mich nicht mehr, in welchem Jahre - vor vielen Jahrhunderten einst von den Wenden belagert wurde, und schon in der höchsten Bedrängnis, und die Not am größten war und alles verloren schien, da taten sich o Wunder! die Gräber der Toten auf dem Kirchhof auf, und die Gerippe der Verstorbenen entstiegen trefflich bewaffnet denselben, kamen den lebenden Kämpfern noch gerade zur rechten Zeit zur Hilfe, schlugen die Wenden in die Flucht und jagten sie zum Teufel. Als dies geschehen und die Stadt von dem furchtbaren Feind befreit war, suchten die Toten wieder ihre Gräber auf und legten sich in denselben abermals zur Ruhe, als ob gar nichts vorgefallen sei."

zitiert aus: Johann Conrad Friedrich: Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten, Band 3, Seite 362ff


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 Johann Conrad Friedrich
 

Kein freundliches Zeugnis stellt der Memoirenschreiber Johann Conrad Friedriche den Kolbergern zwischen 1810 und 1820 aus.

Johann Conrad Friedrich wurde am 5. Dezember 1789 in Frankfurt am Main geboren, will anfangs Schauspieler werden, tritt aber 1805 in die Armee ein. Er erlebt allerlei amoröse Verwicklungen und gelangt in den Dienst Napoleons. Nach dem Sturz Napoleons wechselt Johann Conrad Friedrich die Fronten und tritt in den preußischen Militärdienst ein. Johann Conrad Friedrich wird nach Kolberg versetzt und trifft das oben erwähnte Urteil über das einsame und öde Kolberg. Nicht so kritisch geht Friedrich mit den Kolberger Frauen um, denen er viele Reize abgewinnt.

Die zuerst im Jahre 1848 erschienenen Memoiren, die in Deutschland als die "Erinnerungen eines neuen Casanovas" beworben wurden, waren kein verlegerischer und literarischer Erfolg. Dennoch geben sie einen guten Eindruck vom Leben in der Festung Kolberg am Beginn des 19. Jahrhunderts.

Am 1. Mai 1858 stirbt Johann Conrad Friedrich in Le Havre.

Johann Conrad Friedrich: Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten, zuerst veröffenrlicht in der Osianderschen Buchhandlung (Tübingen) in zwölf Lieferungen, zuletzt nachgesruckt bei Insel Taschenbuch, Frankfurt a.M. 1991