Kolberg / Kolobrzeg
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 aktualisiert 14.01.07

 
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Kolberg  / Kolobrzeg

Wie Joachim Nettelbeck 1777 den Kolberger Dom rettete

"Am 28sten April dieses Jahres stand ich hier in Kolberg, etwa um die Mittagszeit, eines abzumachenden Geschäfts wegen, beim Herrn Advocat Krohn am Fenster, als, mitten in unserem Plaudern, plötzlich ein ganz erschrecklicher Donnerschlag geschah, so daß Jener vor Schrecken neben mir niederstürzte und wie ohne Leben und Besinnung schien. In der That glaubte ich auch nichts gewisser, als daß er von dem Blitzstrahl getroffen worden, bis mein Rütteln und Schütteln ihn endlich wieder auf die Beine brachte. "Wo hat es eingeschlagen?" frgate er, immer noch hochbestürzt. - "Ich hoffe, nirgends"; war meine Gegenrede - "oder mindestens doch nicht gezündet, da Regen, Schnee und Hagel die Luft erfüllen und alle Dächer triefen."

Joachim Nettelbeck
Bild vergrößern!Joachim Nettelbeck
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Allein im nemlichen Augenblick auch stürzte der Kaufmann, Hr. Steffen, welcher schräg gegenüber wohnte, aus seinem Haus hervor; schlug die Hände über´m Kopfe zusammen; schrie aus Leibeskräften, und richtete dabei den Blick immer nach dem Kirchthurme empor, den er jenseits wahrnehmen konnte. Ich ahndete Unheil; lief also stracks hinüber; mußte aber lange auf ihn einreden, bevor ich´s von ihm herauskriegte: "Mein Gott! Unsere arme Stadt! - Sehn Sie denn nicht? Der Thurm brennt ja lichterloh!" - So war es denn auch wirklich. Die helle Flamme sprützte bei der Wetterstange, gleich einem feurigen Springbrunnen, empor; aus allen Schalllöchern sprühten die Funken umher, wie Schneefloclken, und flogen bereits bis in die Domstraß0e hinüber.

Ich, herzlich erschrocken, rannte nach der Kirche und die Thurmtreppe hinan! Im Hinaufsteigen überdachte ich mir´s, wie groß das Unglück werden könne und müsse, da wohl schwerlich Jemand sich´s unternehmen werde, bis in die höchste Spitze hinaufzuklimmen, wo er in den finstern Winkeln nicht einmal so bekannt sey, als ich, der ich sie in meiner Jugend so vielfältig, und oft mit Lebensgafahr, durchkrochen hatte. "Also nur frisch drauf und dran!" rief eine Stimme in mir - "Du weißt ja hier Bescheid!"

In der That wußt´ ich auch, daß droben auf dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereit standen: aber an einer Handspritze, die hier tatsächlich Noth thun würde, konnt´es leichtlich fehlen. Dies erwägend, macht´ ich auf der Stelle rechtsum; drängte mich mit Mühe neben den vielen Menschen vorüber, die Alle nach oben hinauf wollten; flog gleich ins erste nächste Haus und rief um eine Sprütze, die aber hier - die auch im zweiten Hause nicht zu finden war und meiner steigenden Ungeduld erst im dritten gereicht wurde.

Jetzt wieder (Die Angst und der Eifer gaben mir Flügel!) zum Thurme hinauf! In der sogenannten Kunstpfeifer-Stube, die dicht unter der Spitze ist, fand icxh bereits mehrere Maurer und Zimmerleute, die ihren Meistern an der Spitze, die indeß Alle nicht recht zu wissen schienen, was hier zu thun oder zu lassen sey. "Lieben Leute", sprach ich, indem ich unter sie trat - "Hier ist freilich nichts zu beginnen. Wir müssen höher hinauf nach oben. Folgt mir!" - "Leicht gesagt, aber schwer gethan!" antwortete mir der Zimmermeister Steffen. - "Wir haben es schon versucht, aber es geht nicht. Sobald wir die Falltüre über uns heben, fällt ein dichter Regen von Falmmen und glühenden Kohlen hernieder und setzt auch hier die Zimmerung in Brand."

Das war freilich eine schlimme nachricht! "Ei, es muß schon drum geagt seyn!" rief ich endlich - "Ich will hinan! Helft mir durch die Lucke. Ich will sehen, was ich thun kann!"" - Sie öffneten mir die Fallthüre; ich stieg hindurch, ließ mir einen Eimer voll Wasser und die Handsprütze reichen und - "Nun die Lucke hinter mir zu, mait das Feuer keinen Zug bekömmt!" befahl ich; und indem sie das thaten, sah ich zu, was oben passirte. Eine Menge Feuerkohlen prasselte nieder; so daß ich mir den Kopf mit dem Wasser aus meinem Eimer anfeuchten mußte, um nicht aus meinen Haaren ein feuerwerk zu machen. Um zugleich die Hände frei zu bekommen, schnitt ich ein Loch vorne in den Rock, durch welches ich die Sprütze steckte; den Bügel des Eimers nahm ich in den Mund und zwischen die Zähne; und so ward denn die fernere Reise angetreten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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  Nachdem sich Nettelbeck eine Zeit als Fischer auf dem Settiner Haff versuchte, kehrte er 1777 nach Kolberg zurück.
 
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