|
Heinrich Laube
Swinemünde
aus "Eine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen"
Erstausgabe 1837, Kapitel 3
Swinemünde ist das Seebad von Berlin wie Scheveningen vom Haag,
Havre de Grace und Boulogne von Paris. Obwohl es etwa dreißig Meilen
von Berlin entfernt liegt, so kann man doch mit Schnellpost und
Dampfschiff in vierundzwanzig Stunden da sein. Nächst den Berlinern
sind natürlich die Pommerschen Leiber vorherrschend in diesem Seebade,
auch die Schlesier, tief eingekeilt in's Binnenland, wenden sich
meist hierher, wenn sie Meereseinflüsse brauchen. Was weiter nach
Westen in Deutschland liegt, sucht die Nordsee.
Wie das Volkslied sagt, es fiel ein sanfter Regen, als wir an's
Land stiegen, der Schöneberger verließ uns brüste ohne Abschied,
der Postbeflissene schüttelte sich, und vertraute mir, es sei ihm
noch so jämmerlich zu Muthe, daß er sich gleich zu Bett legen müsse,
und nicht einmal in's Gesellschaftshaus kommen möge. Dies Gesellschaftshaus
liegt wenige Schritte abgesondert von der Stadt, aristokratisch
allein, einige hundert Schritte vom Landungsplatze und diesem gegenüber.
Es ist der Mittelpunkt fashionabler Badewelt, und auf ganz stattlichem
Fuß eingerichtet. Man findet Mittags dort eine große table d'hôte,
und Abends Gesellschaft, die sich mit Essen, Trinken, Spiel, Musik
und Tanz unterhält.
Ein Schiffer wies mich mit Gepäck und Wohnungsgesuch an sein reizloses
Weib, und wir stiegen am Bolwerke hinab auf festem feuchtem Sande,
dieser solide Dünensand vertritt hier die Stelle des Pflasters.
Eine lange artige Reihe Häuser mit der Aussicht auf den inneren
Hafen, welchen die Swine bildet, zieht sich im stumpfen Winkel an
diesem Quai hinunter, langsamen Ganges fast eine kleine Viertelstunde
einnehmend. Hinter dieser ersten Reihe finden sich noch zwei, drei
Straßenschichten, und diese nicht unbedeutende Masse, hinten an
einen Föhrenwald und an Sandfläche gelehnt, bildet Swinemünde. Vom
Meere ist nichts zu sehn.
zurück zum Kopf der Seite
Es
war in den letzten Tagen des August, und ich konnte annehmen, daß
die Wohnungen bereits zum größten Theile verlassen seien; suchte
mir also die hübscheste mit einem Treppenaufgange und breit rankenden
Pfirsichbäumen geschmückte Villa aus und trat hinein. Da fand sich
denn auch eine sehr noble Wohnung, ein großes, gut möblirtes, sogar
mit einem Fortepiano geschmücktes, dreifenstriges Zimmer und ein
geräumig Schlafgemach. Das gilt in der Saison wöchentlich fünfzehn
Thaler, daraus kann auf den Preis-Courant im Allgemeinen geschlossen
werden; er ist ganz solid und tüchtig, gestattet indessen bei der
außerordentlich großen Anzahl von Wohnungen, fast zwei Drittheile
des Orts sind zur Aufnahme eingerichtet, die jedem zusagende Modification.
Jetzt, außer der kouranten Badezeit, kostete meine Wahl auch nur
den dritten Theil des Saisonpreises. So saß ich denn bald eingerichtet
im großen Zimmer einsam und allein, und wie es zu gehen pflegt,
wenn man sich auf einige Zeit in neue Räume und neue Zustände einsetzt,
das ganze Leben mit seinen tausend Anfängen und Versuchen tritt
wie eine Summe vor die Seele. Man übersieht wie eine fremde Geschichte
die kleinen und großen Wehen, die uns nahe getreten sind, und für
welche wir kein glücklich Ende zu hoffen mußten, oder gar kein Ende;
alle die Lagen und Verhältnisse, für welche unsre Phantasie das
Bunteste, Kühnste komponirte, alle die außerordentlichen Wünsche,
die wir für unser verborgenes Privatglück erzogen, deren Erfüllung
uns für unmöglich galt . Alles das übersehen wir und lächeln, als
ob das Alles klein und unbedeutend gewesen sei. Zusammengeschrumpft
ist es in die Jahre vertrocknet. Von geheilten Schmerzen entdecken
wir kaum noch die Narben, und wundern uns höchlich, wie das hat
quälen können; das Bunteste und Kühnste ist geworden; nur weil wir's
auf andern Wegen, als uns vorschwebte, erreicht haben, sieht es
nicht mehr bunt und kühn aus; Werken unserer stolzesten Phantasie
sind wir so nahe gekommen, um sie als unwesentlich, unhaltbar, nicht
mehr zu begehren. Und doch erkennen wir schmerzlich, der Schmerz
hat eine sichre, ewige Jugend, daß sich Anderes geöffnet hat von
Wünschen und Perspektiven, und daß wir fortringen werden bis zur
Bewußtlosigkeit. Diese luftgraue Ewigkeit des Lebens taucht auf
wie der alte Chronos mit grauem Wellenbarte vor unsrer Seele – ich
hatte die Fenster geöffnet, es regnete leise draußen, die weißen
Raaen der Schiffe leuchteten auf dem Hafen; links und rechts, wo
noch Badegäste wohnten, klang Gesang und Saitenspiel, frische Mädchenstimmen
flogen wie Vögel durch den dunklen Abend. Und all das Menschliche
rings um Dich her hat auch solche Geschichte, hofft und zweifelt
und erlebt die Zeit, und hofft und zweifelt weiter, und Alles sucht
das Glück, und findet Etwas, und stirbt darüber.
Unruhiger ward der Regen, Wind und Sturm erhob sich von der Meerseite
her, halb hörte ich das Brausen und Toben der See, die nördlich
hinter Swinemünde an die deutsche Küste pocht. Dazwischen klang
zu meinem Erstaunen ein gedämpftes polnisches Lied: vier bis fünf
Gestalten, dicht von Mänteln verhüllt, strichen schattenhaft durch
den Regen vorüber, wie auseinander gerissene Atome fliegt diese
Nation mit ihrem Weh in Europa umher, überall begegnet man ihr.
Der Sturm verschlang ihre leisen Stimmen, der Regen rauschte, kalt
wehte es aus dem Wasser herüber, ich schloß das Fenster, und horchte
im Bett dem Toben weiter, vielleicht, dachte ich, ringt ein Schiff
draußen auf Tod und Leben mit diesem Wetter, während Du ausruhst
von Reise und Drang; das ist die Welt.
zurück zum Kopf der Seite
Am andern Morgen derselbe graue Regentag, von dem alten Schifferweibe
geleitet, welche die Reisetasche und den Regenschirm trug, schlich
mit fest umgeschlagenem Mantel der Postbeflissene trübselig vorüber,
um sich wieder einzuschiffen und seinen Genuß von Swinemünde heimzuführen
unter die Briefbücher.
Als der Regen etwas nachließ, wollte ich das Meer suchen gehn,
ein oberflächlicher Bekannter, oberflächlich für mich und für sich,
mit dem ich Gott weiß in welches Herren Land Wein oder Kaffee getrunken
hatte, begegnete mir, und suchte mich zu orientieren.
Fast vor allen Häusern in Swinemünde sind kleine Leinwanddächer,
sogenannte Marquisen, angebracht, die Sonne mag vom Wasser und Dünensand
arg zurückprallen, und schattende Bäume fehlen, unter solchem Dache
saß ein weißgekleidet Mädchen, ihre dunklen Haare hingen aufgelös't
über Schultern und Rücken, ihre Hände waren in den Schooß gelegt,
sie sah unverwandten Blickes über die kleine fichtenbewachsene Landzunge
nach dem Haff hinaus, wo vor wenig Stunden die Rauchsäule des Dampfschiffes
verschwunden war. Was will diese weiß und schwarze Desdemona-Romantik
hier im gesunden, sandigen Pommerlande und bei diesem Regenwetter?
Das auf gelös'te Haar hätte mich nicht verwundern sollen, alle
Damen tragen es nach dem Seebade so, und man sieht sie links und
rechts in dieser Manier, als ob Scipio vor Carthago läge, und die
Frauenhaare zu Bogensehnen dargebracht würden, wie dort geschehen
sein soll. Auch haben die Damen Sturm und Wetter zum Trotz viel
hartnäckiger und beständiger als die Männer. Weiber fürchten die
Idee der Gefahr mehr als wir, aber der Gefahr selbst stehen sie
entschlossener; und was sie angefangen, treiben sie konsequenter
zum Ende, vielleicht schon darum, weil es der Formel gewordene Glaube
ihnen nicht zugestehen will. Offenbar giebt es viel mehr treulose
Männer als Frauen, wenigstens ist der Mann öfter untreu als das
Weib, fragt unsre Liebeshelden aufs Gewissen; sie wechseln schon
mehr, weil es bei ihnen leichter und spurloser geschehen kann, bei
der Frau macht es mehr Eklat, und darum bemerken wir's öfter, und
man zählt nur das, was bemerkt wird.
zurück zum Kopf der Seite
Mit diesem weißen Mädchen hatte es aber eine andere Bewandniß.
Noch vor einem Monate war sie ein heiteres, lebensfrohes Kind gewesen,
und ein schöner Kavalier hatte sich um ihre Gunst beworben, und
sie erhalten. Man fragte, ob sie sich verloben würde, dazu lachte
sie. An einem sonnenhellen Abende hatte sie mit dem Kavalier unter
der Marquise gesessen, das Dampfboot kommt an, und das Mädchen sagte:
Dort kommt mein Schatz, der Kavalier küßt ihr die Hand und fragt:
Soll der erst kommen? Die Passagiere ziehen mit ihrem Gepäck vorüber,
um Wohnungen zu suchen, einer von Ihnen, ein junger stattlicher
Mann, betrachtet stehen bleibend das Paar durch seine Lorgnette,
und es ist ihm anzusehen, daß er die Dame interessant oder schön
findet; er beordert die Schiffsfrau, mit dem Gepäck vorauszugehen,
und zum Erstaunen des Paares tritt er unter die Marquise, sagt dem
Herrn: »Ich heiße Soundso, haben Sie die Güte mich der Dame vorzustellen,
er setzt sich neben Sie, erzwingt mit großer Geläufigkeit ein Gespräch,
sagt ihr die unumwundensten Artigkeiten, ja Liebeserklärungen, und
veranlaßt am Ende den begünstigten Kavalier, der nichts zu sprechen,
keine Theilnahme in Anspruch zu nehmen findet, von dannen zu gehn.
Das Mädchen, muthig und muthwillig, hat solcher Eigenschaften wegen
die Partie nicht ergreifen wollen, welche der Kavalier bei der Zudringlichkeit
des Fremden erwarten möchte. Er geht also, dieser bleibt, sein Ton
wird dreist wie Romeos, den er zu seinem Gewährsmann aufführt, aber
auch so fesselnd, daß die Dame nicht zum ernstlichen Abweisen gelangen
kann, er kommt Mittags wieder, kommt Abends, Tag für Tag, und jedes
Kommen ist ein Sturm, der Kavalier, nicht einmal zu einer Vertheidigung
gelassen, ist verdrängt, reis't ab, man fragt die Dame wieder, ob
sie sich verloben werde – sie schweigt, sie hat den schönen Fremden
den ganzen Tag nicht mehr gesehn. Des Morgens, als das Dampfboot
zur Abfahrt fertig gewesen, ist er in demselben Rocke, den er an
jenem ersten Abende getragen, vorüber gegangen, er hat nur gefragt,
wie es ihr ginge, und ob sie ihn noch liebe, und ist lächelnd fürbaß
geschritten. An diesem Morgen war er abgereis't, und das Mädchen
hat nichts mehr von ihm gesehen und gehört. Ihre Wangen sind noch
roth, die schwarzen Augen noch glänzend, wenn auch nicht so glänzend
wie früher, nur ihre Munterkeit ist hin, und sie starrt oft nach
dem Haff hinaus, wieder jetzt, es gehen auch nicht mehr viel Leute,
besonders wenig Damen mit ihr um. Das arme Mädchen soll von ihrer
Mutter sehr gescholten und hart behandelt werden.
Freilich ist es den Leuten stets interessanter, die Verwüstungen
eines Schlachtfeldes, Unglück und Elend zu lesen, an dessen Mitempfindung
sie nicht vorüber können, weil es thurmhoch im Wege liegt, oder
schreit. O, seht mitunter auch die kleinen Blumen an, unter deren
Kelchblatte der schlimme Wurm nagt. Was war denn das für ein Wurm,
den wir da gesehen? Die Dreistigkeit verwöhnter Kräfte, durch steten
Erfolg, durch freche Erziehung verwöhnter Kräfte, oder die Waffen-
und Schutzlosigkeit des Weibes?
Ich bat meinen Begleiter, nicht zu anatomiren, und mir den Weg
nach dem Meere zu zeigen. Dem fernen Donnern nachgehend kam ich
in einen Föhrenwald, welcher drei Schritt hinter Swinemünde beginnt,
und bis an die Dünen geht. Man nennt ihn Plantage, der Name zerstreute
mein Interesse, und führte mich in die Jugendzeit zurück, nach Glogau
aufs Gymnasium, und auf die dürren Spaziergänge um die Festung,
wo wir uns von der Wenck'schen Grammatik erholten. Da war eine grüne
Gartenanlage, viel schattiger denn Alles ringsum, mitten drinnen
stand ein Kaffeehaus von Baumrinde, da saßen die Honoratioren, rauchten
Tabak und erholten sich ebenfalls, das Ganze hieß die Plantage.
Wir kleine Brut durften uns nicht hinein wagen, und lauschten und
kuckten heimlich über den niedrigen Zaun, die vornehmen Mädchen
in schönen Kleidern anstaunend, seufzend und weiter springend. Die
vornehmen Leute haben's doch gut, sagten wir, und besonders die
Mädchen, die brauchen keine Vokabeln zu lernen, überhaupt nichts
zu lernen, hübsch sind sie ja von Natur alle.
zurück zum Kopf der Seite
Die vornehmen Leute waren Rendanten, Lieutenants und Capitains,
Kanzlei-Inspektoren, Gymnasiallehrer, jetzt konnt' ich viel vornehmere
Leute haben, und sie interessirten mich nicht, das Verhältniß ist
Alles, Alles liegt nur in uns, alle Färbung, aller Reiz, draußen
ist Alles und draußen ist nichts. Mit aufgelös'tem Haare fuhren
schöne Mädchen an mir vorüber, was kümmerte mich's! Es war kein
Glaube in mir, kein Vertrauen, gereizt zu werden. Da glaubt man,
das bischen Mädchenherz mit der Neigung hierhin, der Neigung dahin
auswendig zu wissen; und die Männer! der will Politik, der Geld,
der Titel, und Jeder will es matt, und wenn er ganz will, und mit
dem Kopfe anrennt, so heißt er ein Narr, wozu reden mit diesen Leuten,
welche vom Bade zurückkehrten!
Man sieht, es war eine ganze Gegend des Schönebergers wie ein
braunes Moor mit Heidekraut in mir aufgeblüht. Dann hofft man thöricht
auf Masseneindrücke, ich dachte: das Meer wird Dich zwingen.
So kam ich an die Dünen. Das sind kleine Sandhügel, drei, vier,
fünf Schritt hoch, welche das Land vom Meere scheiden. Sie haben
den schönsten Streusand, und sind offenbar für die Kanzleien und
Sekretairs geschaffen; traurig, halmartig vereinzeltes Struppgras
sprießt aus ihnen, so daß sie ganz das Ansehn eines alten, grauen
Mannskopfes gewähren, der schlecht barbirt ist.
Es ist einzugestehn, daß die See viel zu thun hatte, wenn sie
auf einen so Vorbereiteten, dermaßen Profanen erklecklich Eindruck
machen wollte. Ich trat auf die Dünenspitze, Meer! Ostsee! Schwarzgrün,
mit weißem Schaum bedeckt, kam sie daher, als wollte sie weit hinein
in's Land, wenigstens bis Angermünd oder Neustadt Eheswalde, hielt
aber still an dem ebenen Sandufer, noch eine ganze Strecke jenseits
der Dünen.
Von Ewigkeit, von Unendlichkeit, von Menschenkleinheit, von wüster
Absolutheit sollt' ich durchdrungen sein, das gilt für die kourante
Art, wie man empfindet beim Anblick des Meeres, und wer dergleichen
Empfindung nicht zur Hand hat, das ist ein verwahrlos'tes Geschöpfe.
Ja, ich war ein verwahrlos'tes Geschöpfe, aber ich trug die Schuld
nicht allein, sondern der Schöneberger und die Ostsee selber.
zurück zum Kopf der Seite
Der Schöneberger nämlich ging am Strande spazieren, um erquickende
Seeluft zu genießen, hatte sich aber gegen etwaige Erkältung dermaßen
in Pelzmütze, Mantel und Wasserstiefel eingepackt, daß schier allein
die gesunde Schnupftabaksnase der Seeluft theilhaftig werden konnte.
Und die Ostsee war mir zu genirt, um einen überwältigenden Eindruck
ohne Weiteres auf mich zu machen. Rechts laufen die sogenannten
Molen ein langes Stück hinaus in's Meer, an deren Spitze der Leuchtthurm,
links tritt die Küste mit den rothen Dächern von Häringsdorf auch
ein wenig vor, aufdringlich für das Auge, was den Eindruck der Unermeßlichkeit
betrifft, da ist das Meer nur Meer, wenn man eben nirgends einen
Maaßstab sieht. Sobald man wegdenken, hinzudenken muß, da ist eine
kombinirende Thätigkeit von uns in Anspruch genommen, und die unmittelbare
Illusion ist gestört, Illusion ist eben etwas Unmittelbares.
Weiß ich doch, wie es mir mit Venedig ergangen ist: eine Wasserstadt
fand ich, aber Meer, Meer, das Meer der Dichter suchte ich umsonst.
Dann, als ich des Morgens auf dem Schiff erwachte, was mich nach
Triest trug, und mit dem grau dämmernden Tage auf das Verdeck kletterte,
und nichts erblickte als Himmel und Wasser, da fiel der Göttergedanke
des Meeres wie eine neue Welt auf mein Herz, da sah ich mich Aug
in Auge mit der ewigen Gottheit, ein Menschenflocken mit ohnmächtigen
Gliedern und einem allmächtigen Geiste, einem Geiste, der sterben
kann still und fest, das war Meer. Auch die roth aufgehende Sonne
wohnte nur im Meere, und sah nichts als Meer. Alles war Meer, der
Vogel, den man sieht, braucht keinen Zweig, um darauf auszuruhn,
er schläft auf der Woge; dann ist es eine selbstständige, ungeheure
Welt, die mit ihrer ganzen Masse uns befängt, weil wir allein nicht
hinein gehören.
Wenn ich links und rechts Land sehe, wie hier auf einer Düne bei
Swinemünde, wer bürgt mir denn dafür, daß da hinten der Wasserhorizont
meeresweit hinausreiche? Kann nicht gleich dahinter Land sein? Muß
ich denn der Landkarte aus dem geographischen Institute zu Weimar
glauben? In Weimar kann man sich ja auch mal irren. Meer ist nur
das Zweifellose; was ich vor mir sah, war nicht die See, sondern
nur die Ostsee. Aber auch eine bloße See, eine mediatisirte, die
keine Souverainität besitzt, hat ihre großen Reize: ich habe doch
stundenlang an ihr gesessen und ihrem einförmigen Treiben zugesehn,
und gefühlt, wie sehr man sie lieben kann. Aus dem Philisterthume,
den kleinen Verhältnissen und Bewegungen, aus der trivialen Duodezwelt
ist man gerettet, die uns mit Nasenstübern tödtet, dem ächten, ursprünglichen
Pulsschlage der Schöpfung ist man näher da, mit den Meereswogen
kommt nichts Verbrauchtes, Destillirtes, nur Elementarisches bewegt
sich, was direkt aus Gottes Schooß entsprungen ist; der Meeresstrand
ist das schönste und größte Kämmerlein, wo nichts Gemeines stört.
Unter die Badehütten, welche vor mir lagen, hatte sich aber zu
abscheulicher Ironie ein kleiner hoffnungsvoller Pommerknabe geflüchtet,
um den Gesundheitsgöttern sein Frühopfer zu bringen, der Bademeister,
welcher so etwas wittern mochte, umkreiste die Anstalt und überraschte
den offenen Pommeraner in Flagranti, es sollte mir heute auch keine
Gedankentäuschung gestattet sein.
Die vor mir liegenden Hütten sind nur das, was man ein Seebad nennt:
auf hölzernen Stegen findet sich ein Quantum Kammern zum Auskleiden,
und offene Stege führen etwas weiter in's Meer hinein; in weiße
Tempelherrnmäntel gehüllt wandeln die Entkleideten da umher, bis
ihnen der Moment kommt, hineinzuspringen. Kränkere, oder die sich
sonst mehr separiren wollen, finden zwei große Badekutschen, das
heißt mit Leinwand überzogene, auf 4 Rädern stehende Kasten; diese
sind schon so weit hineingeschoben in See, daß man von ihnen aus
gleich in eine genügende Tiefe des Wassers steigen kann. Wer bei
mangelndem Wellenschlage das Wasser stürmischer auf den Leib oder
auf bestimmte Theile des Leibes haben will, den versehen Badediener
mit genügenden Kübelstreichen, das heißt sie versetzen ihm aus ledernen
Kübeln, die etwa wie Feuereimer aussehn, so geschickte Wasserstreiche,
als man nur verlangen kann. In der See selbst ist Hauptsache, die
heranbrausenden Wellen da aufzufangen, wo sie sich am stärksten
brechen. Das ist alle Verrichtung und Wissenschaft eines Seebades.
|