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"Die Pietisterey im Fischbeinrocke"
von Luise Kulmus
Vierter Auftritt
Auftretende Personen: Frau Glaubeleichthin, Frau Zankenheimin,
Herr Magister Scheinfromm, Frau Seufftzerin, Frau Ehrlichen
Frau Ehrlichen
Ha! Ha! Herr Magister! fing eck em hier? He es en schöner Herr!
Eck bedanck my vor den schönen Onderrecht, den he myner Dochter
gegewen hefft.
Herr Scheinfromm
Was wollt ihr denn von mir haben?
Frau Ehrlichen
I! du Schelm! Wat eck von dy hebben wöll? Eck frag dy, wat du von
myner Dochter hebben wöllst? du verfloockter Hund!
Herr Scheinfromm
Meine liebe Frau, was redet ihr? Habe ich eure Tochter nicht gut
und gründlich unterrichtet?
Frau Ehrlichen
Gründlich? Ja freylich! mehr, als´t my löv es! du Schelm! Eck scheck
dy myn Kind, dat du´t en der Gottseligkeit onderrechten sollst,
on nich en der Gottlosigkeit! Wat Düwel wöllstu von dem Mecken hebben?
Wöllstu Hooren hebben, so seek dy welcke: Op der Lestadie loopen
genoog herümmer, aber vertobb my nich myn Kind.
Herr Scheinfromm
Was redet ihr doch? Eure Tochter lüget euch solche Dinge vor. Vielleicht
verdreußt es sie, daß ich mich ihrer Seligkeit so eiffrig angenommen
habe, und ihr manchmal scharf zugeredet.
Frau Ehrlichen
Ja! du böst der rechte Keerel tor Seligkeit, du sullst myne Dochter
wohl föhren en den Himmel, wo de Engel met Külen dantzen. (Zur Frau
Glaubeleichthin:) Wat meent se wohl Frau Nabern! Eck schak em myne
Dochter en´t Huuß, dat he se sall en der Reelgon enfermeeren, denn
eck wöll se op Ostern tom heilgen Avendmaal nehmen. On de verflookte
Keerrl en dem Meeken allerly gottloß Tüg anmoden. Eck seh! se siht
ut! se grient, eck frag er: Endlich kümmt herrut, wat Herr Scheinfromm
vor een schöner Herr es. Da sall em de Düvel der veer halen. Eck
wöll´m vor´t Constorien kriegen, da sall he my en een Loch kruupe,
vor em nich Sonn nich Maand beschienen sall.
Frau Glaubeleichthin
Ach liebe Frau Nachbarin! bedenckt doch, was ihr redet. herr Scheinfromm
ist ein heiliger Mann.
Herr Scheinfromm
Mein Goot! du schickst mir diese Versuchung zu. Ich dancke dir auch
dafür!
Frau Seufftzerin
Sehr doch! wie gedultig der fromme mann bey seinem Leiden ist. Ach!
ihr seyd eine böse Frau.
Frau Zanckenheimerin
Packt euch fort, ehe wir euch die Treppe hinunter werffen lassen.
Wer weißt was eure Tochter vor ein Thiergen ist, und mit wem sire
sich so gemein gemacht hat. Jetzo will sie es auf diesen heiligen
Mann schieben.
Frau Ehrlichen
Ja! klook kosen, nuscht dohn! Wat Düvel sy jy denn vor Rackertüg?
Eck glow, jy sennt von dat pietistische Wievervolck, de seck en
de Reelgon mengen. Aber jy verstahn so vell darvon, als de Koh vom
nygen Door. Hör jy dat? Domme Düvels sy jy! Dat segg eck ju! Eck
sy so klook, als jy: Aver eck gloow, de Wiewer, de seck in solche
Sachen mengen, de eenen nuscht angahn, onn de se nich verstahn,
datz send Kalwes-Köppe! On dat sy jy okk!
Herr Scheinfromm
Ach meine Faru! geht doch, und laßt uns zufrieden.
Frau Ehrlichen
Wat? Eck war ju nich to freeden laten, stracks kaamt met my vor´t
Constorien.
Herr Scheinfromm
Was wollt ihr denn von mir haben? Gott kennt meine Unschuld, und
eurer Tochter Boßheit.
Frau Ehrlichen
Ja! frylich weet Gott, dat du en Schelm best! Kaamt met my! eck
segg´t ju, oder eck kratz ju de Oogen ut! (Sie zieht ihn beym Ermel.
Er entflieht:) Ah, ha! Loop du man! eck war dy wohl enhalen. (Sie
geht ab.)
Den gesamten Text des Lustspiels der Gottschedin finden Sie hier:
http://gutenberg.spiegel.de/
gottschl/pietist/pietist.htm
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